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Wieviele Bausünden verträgt
eine Stadt?
[04-04-22, Wien, INTERVIEW von Conny Bischofberger]
In seinem Büro treffen Naturschützer auf "Betonierer":
Rudolf Schicker (51) leitet eines der sensibelsten Ressorts im Rathaus.
Der Stadtrat über die Lobau, das Dach der Albertina und sein Bild
von Wien.
Herr Stadtrat, wie kommt der oberste Raumplaner Wiens morgens ins Büro:
Auto oder U-Bahn?
Dienstwagen. Aber er besitzt auch einen alten Halbrenner mit Kotflügeln
und einem Rennlenker! Bei den letzten Streiks bin ich auf diesem Rad
ins Büro gekommen. Es hat 50 Minuten gedauert, 10 Minuten länger
als mit dem Auto.
Apropos Auto: Können Sie noch ruhig schlafen, wenn Sie an den
Verkehr in Wien denken?
In der Politik muss man sich ein Stück Privatheit bewahren, und
dazu gehört der Schlaf. Mein Schlaf ist nach wie vor gut. Was den
Verkehr betrifft, so gibt es in Wien pro Jahr um 10.000 Autos mehr,
und dafür sind nicht genügend Tiefgaragen vorhanden. Gleichzeitig
wurde eine Steigerung der Radbenützung von über 50 Prozent
erreicht.
Der Ostverkehr wird nach der Öffnung der neuen EU-Länder
stark zunehmen. Kommt da eine Lawine auf uns zu?
Nein, weil wir schon früh nachgedacht und auch mit der Information
begonnen haben.
Ihre geplante Verlängerung der Südumfahrung durch die Lobau
bringt Naturschützer und Grüne auf die Palme!
Tatsache ist, dass es eine sechste Donauquerung brauchen wird. Natürlich
ist die Lobau ein sehr sensibles Gebiet, und der Schutz der Donau muss
oberstes Ziel sein...
Die Lobau droht das Prädikat "Nationalpark" zu verlieren,
wenn dort eine Autobahn durchgeht.
Ich bin überzeugt, dass es Wege gibt, die den Nationalpark nicht
gefährden. Unter der Donau durchzugehen wäre das Beste - und
zwar in einer Tiefe, in der das Grundwasser nicht berührt wird.
Das wäre auch für die Biber kein Problem. Geologen sagen,
es sei schwer, aber die Hamburger habens mit dem Elbtunnel ja auch geschafft.
Eine Lösung wäre auch eine Brücke, aber das ist ein massiver
Eingriff in den Lebensraum der Vögel, ins Landschaftsbild.
Stehen Sie als zuständiger Stadtrat da immer zwischen den Naturschützern
und den Bauwütigen?
Meine Aufgabe ist es, umweltverträgliche Lösungen auf wirtschaftlicher
Grundlage durchzusetzen. Das ist nicht immer leicht. Da kommt es schon
vor, dass man als "Betonierer" beschimpft wird.
Die Anrainer fühlen sich halt oft "überfahren".
Das beschäftigt mich auch, wenn Menschen mit etwas überfallen
werden, das sie nicht erwartet haben. Deshalb will ich niemandem was
vorschwindeln: Wenn eine U-Bahn-Trasse verlängert wird, kann man
halt dem einen oder andern Haus nicht ausweichen. Da fährt sozusagen
die U-Bahn drüber.
Wie gehen Sie mit wütenden Bürgerinnen und Bürgern
um?
Ich suche immer den Dialog, das Gespräch, die Diskussion - und
zwar rechtzeitig, nicht erst, wenn Feuer am Dach ist! Es gibt fast keine
Bürgerinitiative, mit der es mir nicht gelungen wäre, eine
Gesprächsbasis zu finden. Auch Mediationen haben sich da als gutes
Instrument bewährt.
Was sagen Sie denn als zuständiger Stadtrat zum wirklich hässlichen
neuen Schwarzenbergplatz?
Die Planung stammt noch aus der Zeit von Stadtrat Görg.
Aber Sie werben in einer Broschüre mit "Lichtblick Schwarzenbergplatz.
Strahlende Mitte von Wien"!
Der spanische Architekt hatte ganz auf die Beleuchtung gesetzt. Aber
die ist nur schwach wirksam. Auch die Säulen hätte ich schlanker
gemacht. Sagen wir so: Mit der Ausführung sind wir nicht ganz glücklich.
Und das Dach vor der Albertina?
Ich denke, das ist ein bisschen plump ausgefallen - Holleins Entwürfe
waren schlanker.
In Hietzing erregt ein geplanter Bau der Bawag im Park der Villa
Primavesi großen Unmut.
Da kann ich Sie beruhigen: Was wir bisher gesehen haben, hat nicht die
Zustimmung der MA 19 gefunden!
Der Eigentümer wünscht sich einen Bürokomplex.
Wünschen darf er sich was, aber es muss sinnvoll sein und darf
dem Stadtbild nicht in die Quere kommen.
Wie viele Bausünden verträgt denn Ihrer Meinung nach eine
Stadt?
Eine kann schon zu viel sein!
Welche fällt Ihnen ein?
Sicher der bestehende Bahnhof Wien-Mitte.
Wien in 10 Jahren: Welches Bild taucht da vor Ihren Augen auf?
In 10 Jahren wird unsere Stadt gemeinsam mit Bratislava und Brünn
mit 4,5 Millionen Einwohnern eine zentrale Region in Europa sein. Und
mit seiner Wirtschaftskraft, der kulturellen Vielfalt, mit seiner Schönheit
und der architektonischen Qualität der Motor dieser Region sein.
Woher kommt eigentlich Ihre Leidenschaft für Raumplanung?
Die hatte ich schon als Kind. Mein Vater war Feuerwehrmann, meine Mutter
Jugendfürsorgerin. Ich hab am liebsten "Der kluge Staatsbürger"
gespielt. Da musste man eine Stadt aufbauen, mit Kirche, Schule, Parks
und Strassenbahn. Diese Aufgabe - Ellbogen rausstrecken und was für
die Leute zu schaffen - hab ich über alles geliebt.
Dipl.-Ing. Rudolf Schicker: "Wien wird mit Bratislava und Brünn
eine zentrale Region Europas."
© 04-04-22 by "KRONEN ZEITUNG"
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