An den Bürgermeister der Stadt Wien
Dr. Michael Häupl
19. Dezember 2005
Betreff: Bürgerbeteiligung in Wien am Beispiel Bacherpark
Sehr geehrter Herr Bürgermeister!
Unlängst hat Ihnen eine Mehrheit, die eigentlich
eine Minderheit ist, ihr Vertrauen geschenkt. Sie haben sicher darüber
nachgedacht, warum Ihre Partei zwar die Mandatsmehrheit gehalten, an Stimmen
aber eingebüßt hat. Sie wissen auch sicher Bescheid über den
wachsenden Unmut der Bürgerinnen und Bürger, denen jede ersprießliche
Mitbeteiligung an kommunalen Projekten, in westlichen Demokratien heute selbstverständlicher
Standard, verwehrt wird. Vielleicht reden Sie deshalb auch eher mit Ihren
politischen „Feinden“ als mit Ihren Bürgerinnen und Bürgern,
denen Sie wie der Stadtrat, an den Sie uns zu verweisen pflegen, seit Jahr
und Tag den Dialog über deren Wunsch nach mehr echter Mitbeteiligung
verweigern.
Dafür lassen Sie, der Sie sich einst – es ist schon lange her –
für die Erhaltung der Natur stark gemacht haben, Bäume fällen,
an deren Stelle so genannte Volksgaragen gebaut werden sollen. Volksgaragen,
die besser Sumpfgaragen heißen sollten, nicht nur deshalb, weil sich
auch in der Natur Sümpfe und hohe Bäume nicht gut vertragen.
Am 14. Dezember 2005 vormittags war es wieder so weit. Nach der reichlich
missglückten Baumfällung im Manès Sperber-Park, der so nebenbei
auch ein Wohnhaus zum Opfer gefallen war, erfolgte der nächste Baum-Mord
im Bacherpark. 3 hohe Pappeln und eine Robinie wurden ein Raub der Garagenlobby.
Just einen Tag nach Bekanntwerden eines Kontrollamtberichtes, der die Machenschaften
im Zusammenhang mit den „Volksgaragen“ bloß legt, kurz nach
den Wahlen und knapp vor Weihnachten, damit alles möglichst ohne Aufsehen
erfolgt und rasch, bevor der Rüffel des Kontrollamts Wellen schlagen
könnte. Das Volk wird nicht befragt, weit über 2000 Protestunterschriften
von Betroffenen werden einfach ignoriert. Macht ist, wenn man trotzdem baut.
Die Menschen haben zu zahlen und zu kuschen: moderner Kolonialstil übelster
Machart.
Für wen wird diese Garage gebaut? Für das Volk, den der Name Volksgarage
zynisch anspricht, sicher nicht. Das hat sich mit so großer Mehrheit
dagegen entschieden, dass der Bezirksvorsteher eine Abstimmung fürchtet
wie der Teufel das Weihwasser. Einpendelnden Autofahrern auch nicht, denn
diesen stehen ohnedies zahlreiche halb leer stehende Garagen in der engsten
Umgebung zu Schleudertarifen zur Verfügung. Die Nutznießer der
Garage muss man daher bei den Garagenerrichtern und bei jenen suchen, welche
ihr politisches Mandat missbrauchen, um mit unserem Steuergeld teure Garagen
zu subventionieren, die so unnötig sind wie ein Kropf.
Und das alles unter der Schirmherrschaft eines „naturnahen“ Bürgermeisters,
der zusieht, wie Bäume gefällt werden, um aus einem Park eine Park-Garage
zu machen. Wissen Sie um all diese Vorgänge? Wir können es nicht
glauben. Wir bitten Sie: bestärken Sie uns darin!
Es lebe unser Wien!
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